Talisman Gypsy Art & Maria Serrano
Sommerfestspiele: "Talisman Gypsy Art" und Maria Serrano begeisterten bei ihrem Gastspiel
Eine Liebeserklärung an den Flamenco
An Experimentierfreude mangelte es dem Quartett wahrlich nicht. Mit einem rasanten Tempo entwarf die Band "Talisman Gypsy Art" musikalische Collagen: Mal kraftvoll und explosiv, dann wieder zart, verträumt und bis ins Lautmalerische hinein. Das Ensemble schlug zugleich einen großen Bogen über verschiedene musikalische Genres hinweg. Es erschloss dabei neue Korridore, die Klänge zu Hörerlebnissen werden lassen. Die Musiker zeigten sich in jeder Hinsicht offen, kulturelle Schranken und Grenzen wurden bewusst beiseitegeschoben. Nur zeitweise traten die Vier in den Hintergrund und überließen die Bühne dem Charme und dem andalusischen Temperament von Maria del Mar Serrano Rebello.
Das Publikum im Gesundbrunnen des Fürstenlagers kam am Samstag in den Genuss eines Ohren- und Augenschmauses allererster Güte. Die Internationalen Sommerfestspiele wurden an diesem Abend allenfalls durch den in der ersten Halbzeit einsetzenden Regen ein wenig getrübt.
Flamenco meets Zigan: "Talisman" verschmilzt beide zu einer künstlerischen Form wie aus einem Guss. Und wenn Maria Serrano die Bühne betrat, tanzte sie mit einer Hingabe und mit einer Ausdruckskraft, die einer Liebeserklärung an den Flamenco gleichkam. Angesichts ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Ausstrahlung schienen die Musiker zurückzutreten und innezuhalten, um im Rhythmus mitzuklatschen. Kein Tempo war der Tänzerin zu schnell, keine Bewegung zu kapriziös und filigran. Die emotionale Berg- und Talfahrt wirkte auf die Zuschauer wie ein Sog: Mal zog Maria Serrano sie mit dem rasanten Stakkato der Absätze und Fußspitzen in ihren Bann, dann wieder sprühte ihr Tanz vor Leidenschaft, Sinnlichkeit und Melancholie.
Verschiedene Welten verbunden Ihre Ausdruckskraft korrespondierte mit der kunstvoll-kreativen Professionalität der Musiker. Sie reihten eine Klangassoziation an die andere, so dass daraus kraftvolle, präzise Stimmungsgemälde hervorgingen. Die poetischen Klanggemälde der Vier - "Teufelsgeiger" Oleksander Klimas, Oleg Nehls (Knopfakkordeon), Tom Auffarth (Bassgitarre) und Jan Zimmermann (Percussion) - kamen wie akustische Collagen daher. Osteuropäische, russische Zigeunermusik, abgestaubte Gypsy Art, ungarische Csardas, dann jazzig-swingende Flamenco- und Tango-Exkursionen - verschiedene Welten werden eng miteinander verwoben in einem Feuerwerk widerstreitender Emotionen.
Oleksander Klimas ließ ein ums andere Mal die Saiten seiner Geige ebenso furios wie virtuos und beseelt erklingen. Das Instrument schien zu knarzen, zu jaulen und vor innerer Dramatik zu bersten. Dann wieder gewannen besinnliche, meditative Tonfolgen und Rhythmen die Oberhand.
Gelegentlich legte das Quartett die Instrumente beiseite und wandte sich Geräten und Klangbildern zu, die einerseits seltsam und fremd, andererseits lebendig und authentisch wirkten. Den "Gang zum Schafott" etwa begleitete das Rasseln schwerer Ketten, die über den Holzboden geschleift wurden.
Die Virtuosität und Vielseitigkeit der Musiker macht "Talisman" zu einem Musterbeispiel für eine kreativ-konstruktive, experimentierfreudige Geräuschproduktion. Das Stück "Hey, you horses" beschrieb sehr prägnant diesen Spannungsbogen von beinahe schon spiritueller Ruhe bis hin zu energiegeladener Wildheit, die mit schnörkelloser Eleganz und pointierter Dynamik einhergeht.
Nach zwei Zugaben verabschiedete sich die Gruppe von der Bühne. Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus für die intensive, unterhaltsame Begegnung. moni
Bergsträßer Anzeiger
16. August 2011

